Herbert Zottis Raunzerzone

in: bockkeller, 27. Jg., Nr. 2 / April - Juni 2021

Alles wie zuletzt — Ich kann mich schon selbst nicht mehr hören. Aber ich habe verstehen gelernt, warum alte Leute immer dieselben Geschichten erzählen. Wenn man nichts Neues mehr erlebt, dreht man sich einfach im Kreis. Obwohl: Neues gibt es schon. Nicht nur dass einem alle paar Tage irgendwer im Rachen oder in der Nase herumstochert, um der Welt, oder wenigstens dem Friseur beweisen zu können, dass man eh‘ — oder noch — nicht infi(s)ziert ist.
Ich weiß ja nicht, ob es richtig ist, alle Impfgegner und Pandemieleugner pauschal der Gruppe der Depperten zuzuordnen. Deswegen mach‘ ich’s auch nicht. Auch weil dieser Begriff unpolitisch korrekt ist und man heutzutage schon viel feiner abgestufte Grade geistiger Irritation im Repertoire der behandelnden Ärzte vorfindet. Aber ich frage mich, wie wir als Veranstalter mit diesem Viruszeugs weiter umgehen können. Künftig braucht es möglicherweise Maßnahmen wie Schnelltests, Impfnachweis oder wenigsten einen Aderlass am Eingang. Damit verärgern wir einen Teil unserer Besucher. Wenn wir’s nicht machen verärgern wir den anderen Teil. Also entschuldigen wir uns schon einmal prophylaktisch. Müssen, können und sollen wir unsere Mitarbeiter und Besucher bestmöglich (Lieblingswort unseres ew. Kanzlers und der übrigen türkisen AufklärerInnen) schützen? Jedenfalls erleichtert es die Entscheidung, zu wissen, dass sie in jedem Fall falsch sein wird. In dieser Doppelmühle sind wir nicht allein. Was die Sache auch nicht angenehmer macht.
Nahezu verschwunden aus dem öffentlichen Diskurs bleibt die Kultur. Tapfere Künstler versuchen künstliche Livestream-Kulturbeatmung. Dafür sei ihnen herzlich gedankt. Studioaufnahmen kommen ja auch ohne Publikum aus. Aber wie sauschwer das eigentlich ist, hat man etwa beim Livestream-Auftritt des wirklich verehrten Lukas Resetarits im Stadtsaal gesehen. Als Verzweiflungstat ist das schon ok. Aber man sollt’s nicht als »normal« empfinden müssen. Unlängst musste ich nach Brüssel fliegen. AUA, zweimotoriges Propellerflugzeug, 80 Plätze, gut belegt. Sitzabstand zum Nachbarn 60–70 Zentimeter. FFP2-Masken. Dann werden Getränke serviert. In der »Business« auch Essen. Nahezu alle Passagiere nehmen die Masken ab, um sich zu laben. Flugdauer: 110 Minuten. Aber Konzert und Theater (Abstand mindestens doppelt so groß) müssen geschlossen bleiben (auch wegen des Drängens beim Ein- und Ausgang). Was im Flugzeug natürlich nicht geschieht. Muss ich das verstehen? Aber es gibt auch Erfreuliches: Bisher (5.3.) sind 6,2der Bevölkerung geimpft. Und: der gute Joe hat endlich Donald den Schrecklichen abgelöst. Ein Befreiungsakt, der nur mit dem k.o. des Krokodils im Kasperltheater konkurrieren kann. Es geht also aufwärts. Ziemlich schleppend.

Herbert Zotti