Herbert Zottis Raunzerzone

in: bockkeller, 25. Jg., Nr.1 / Jänner-Februar 2019

Unlängst hat unser Kanzler gemeint: „Unser Österreich ist heute ein ganz anderes als noch vor 80 Jahren!“. Man kann nur sagen: Endlich weiß man, wofür der politische Scharfblick gut ist. Die eigentliche Frage ist aber doch: Sind die Österreicher heute ganz anders als vor 80 Jahren? Sind wir nicht wie einstens nationalistisch, xenophob, verführ- und verhetzbar? Ich würde gerne einfach „Ja“ sagen. Geht aber schwer. Wenn dieser AfD Gauleiter verkündet, dass die „natürlichen Freunde“ seiner Ewigvorgestrigen „Strache, Orban und Salvini“ sind, dann ist das zwar möglicherweise wahr, macht aber wenig Freude. Ebenso wenn sich Österreich jetzt aus dem Migrationspakt davonstiehlt. Angeblich ist ja die Mehrheit der Befragten dafür (mich hat man nicht gefragt), aber es zeigt nur wie angeheizt und auch ein bissel deppert die Stimmung ist. Das heißt aber auch, dass wir gegen die Heizer nicht immun geworden sind – nicht weniger verführbar und „vom System missbrauchbarer“. Daher fürchte ich, dass sich unser ehrwürdiger Kanzler (erstmalig natürlich!) irrt. Wir sind, zumindest humanitär, auf dem Rück- und Holzweg.
Im Angesicht leuchtender Christbaumkugeln und glänzender Punschaugen sollte man nicht so pessimistisch sein. Die Welt ist einfach komplex und schwer verständlich. Das beginnt beim Essen unterwegs: Im Flugzeug bekommt man etwas zu essen, wenn man nicht gerade mit so einer Potenziellbankrottlinie fliegt. Im Zug darf man essen und bekommt auch diverse Angebote. Mit dem Autobus fahr‘ ich nicht (außer dem 46B), in der U-Bahn wird ’s jetzt verboten („überwältigende Mehrheit dafür“ – ich, nicht gefragt, aber auch dafür), von der Bim weiß man nichts Genaues. Mir wäre ja ein Handyverbot allerdings lieber, als der gesetzliche Nahrungsentzug an Unterprivilegierten. Vermutlich hat sich die Lage in der U-Bahn durch die Kebapbuden so zugespitzt. Die traditionelle österreichische Standardextrawurstsemmel schmutzt nicht! Nur, wenn ausnahmsweise eine frische Semmel Verwendung fände, könnten deren Brösel zum Ärgernis werden. Dieses Risiko ist aber vernachlässigbar. Problema gibt es hingegen bei „Kebap mit Alles“. Egal wie man das Zeug hält: Ein Teil des Alles ist fluchtbereit und nimmt die geringste Chance wahr, den frisch gebohnerten U-Bahn Boden zu versauen (obwohl ja eigentlich Huhn oder Kalb!). Unheil verheißen auch die seit einiger Zeit angebotenen Nudelkartons, weil der Wiener Durchnitts-U-Bahn-User eher noch mit asiatischer Liebeskunst vertraut ist, als mit virtuosem Staberlgebrauch. Also geht da auch Einiges daneben. Jedenfalls ist ’s ein Ärgernis, zumindest für unsere älteren Semester, die noch mit einigem Stolz auf ihre, schon manchmal auch ein bissel verkorkste Erziehung blicken und eben noch wissen, „was sich g’hört“.
Aber eigentlich ist eh alles net so tragisch. Wenn aus den Punschstandeln das Rentierlied zum Klirren der Pfandglaseln erklingt, haben wir wieder ein Jahr überlebt und mit erleichtertem Blick auf die statistisch abnehmenden Herz-KreislaufErkrankungen in unserem schönen Land kann man sagen: Über was regt ’s Euch eigentlich auf? Fröhliche Weihnachten!