Herbert Zottis Raunzerzone

in: bockkeller, 24. Jg., Nr.4 / September-Oktober 2018

Sommer also – oder eigentlich schon fast wieder vorbei. Reisezeit und Zeit verstärkter Ärgernisse. Selten offenbart sich Tendenz zu Schwachsinn so deutlich wie im Urlaub. Gruppen begünstigen das Abschalten der Ganglien zusätzlich und sowieso. Nach Monaten unauffälligen Verhaltens und »Funktionierens« wird einfach losgelassen. Die grauenhaftesten Klamotten, bis hin zum Jogginganzug, werden »ausgeführt« und auch sonst jegliche Form gesellschaftlichen Anstandes ausgeblendet. Freizeit also »Freiheit von allen Zwängen« und Ordnungen. Wenn das nur ein Phänomen hierzulande wäre, würde ich für unsere deutschen Leser präzisieren: Ordnung bedeutet bei uns Ähnliches wie in Germanien. Den Unterschied macht lediglich der Wille zur faktischen Umsetzung aus. Uns sind Ordnungen einfach wurschter. Eine späte Rache des jahrhundertelangen Untertanendaseins. Aber das betrifft auch den Normalbetrieb – nicht nur den Urlaub. Und: Es ist kein Nationalproblem. Urbi et orbi kann man den Touristenwahnsinn beobachten. Wobei die Erkenntnis der Internationalität unsinniger Handlungen auch nicht tröstlich ist. Zu keiner Zeit des Jahres wird so viel angestanden, gestaut und gedrängelt wie in dieser Freizeit. Am schrecklichsten beim Autofahren, auf Flughäfen und an Buffets. Das berühmte Lied der Worried Man Skiffle Group »Der Mensch is‘ a Sau« birgt schon viel Wahres! Über den Handy-Selfie-Wahn habe ich mich schon ausführlich alteriert (was diesen leider nicht beseitigt hat). Wofür fotografiert man sich selbst vor allen Sehenswürdigkeiten der Erde? Schöner werden die dadurch eher selten. Nur um anderen Menschen, denen das überaus egal ist, zu zeigen, dass man »dort« war? Eine Sonderform ersehnter Unsterblichkeit bilden die Wälle von Vorhangschlössern, die uns seit einigen Jahren begegnen. Neu ist das nicht – denken wir an frühere Flurschändungen durch eingeschnitztes Liebesgetön in Baumrinden. Aber das jetzt ist eben noch ein bissel mehr deppert. Eigentlich sollten wir uns über Träume und Sehnsüchte unserer Mitbürger freuen. Aber auch, wenn diese eher Ausdruck kollektiver Geistesarmut sind? I waaß net …